Frankreich 🇫🇷 in der Krise: Ein Staat verliert an Handlungsfähigkeit

In den letzten Wochen taucht in Diskussionen und Kommentaren immer häufiger die Frage auf, wie ernst die Lage in Frankreich wirklich ist. Anlass sind die Bilder der Schülerproteste Ende September, die neuen PISA-Ergebnisse und natürlich der Anleihemarkt, wo der Abstand französischer Staatsanleihen zu Bundesanleihen inzwischen so groß ist wie zuletzt in der Euro-Krise.

Um es vorwegzunehmen: Frankreich steckt in einer schweren Handlungs- und Finanzkrise. Die Probleme verstärken sich gegenseitig, und der Politik fehlt offensichtlich die Kraft, sie zu lösen. Genau das macht die Lage so ernst.

Die Staatsfinanzen

Am deutlichsten sieht man das an den Staatsfinanzen. Die Staatsverschuldung liegt inzwischen bei fast 120 % des BIP und steigt laut dem neuen Haushaltsentwurf weiter. Das Defizit liegt das dritte Jahr in Folge über 5 %. Besonders bemerkenswert finde ich die Zinslast: Sie steigt innerhalb eines einzigen Jahres um rund 12 Mrd. EUR. Einen ausgeglichenen Haushalt hatte Frankreich übrigens zuletzt 1973.

Hinzu kommt, dass die Wirtschaft kaum wächst. Im ersten Halbjahr 2026 ist Frankreich nur knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt, und die Kaufkraft der Haushalte ist zuletzt sogar gesunken. Aus einem solchen Schuldenberg wächst man mit diesem Tempo nicht heraus.

Eine Politik ohne Mehrheit

Eigentlich wäre jetzt die Zeit für Reformen. Doch seit Anfang 2024 hatte Frankreich vier Premierminister, und auch die aktuelle Regierung unter Sébastien Lecornu hat keine eigene Mehrheit. Den Haushalt 2026 konnte sie nur mit einem Verfassungskniff ohne Abstimmung im Parlament durchsetzen. Selbst der unabhängige Haushaltsrat hält die Annahmen für das kommende Jahr für zu optimistisch. Und je näher die Präsidentschaftswahl 2027 rückt, desto geringer wird die Bereitschaft für unpopuläre Entscheidungen sein.

Bildung, Proteste und gesellschaftlicher Zusammenhalt

Was mich persönlich fast mehr beschäftigt als die Haushaltszahlen, sind die längerfristigen Entwicklungen. Die im September veröffentlichte PISA-Studie zeigt für Frankreich die schlechtesten Ergebnisse seit Beginn der Erhebung im Jahr 2000, vor allem in Mathematik und beim Lesen. Der Anteil sehr leistungsstarker Schüler hat sich in zehn Jahren mehr als halbiert, und nach wie vor hängt der Schulerfolg in kaum einem OECD-Land so stark von der sozialen Herkunft ab.

Wie angespannt die Stimmung ist, haben die Schülerproteste Ende September gezeigt. Über 1.000 Schulen waren betroffen, in Nantes wurde ein Gymnasium angezündet, und innerhalb einer Woche gab es Tausende Festnahmen und Hunderte verletzte Polizisten.

Dazu passt, dass sich die Armut verfestigt. Die Armutsquote ist so hoch wie nie seit Beginn der Messung. Vor allem aber bleiben die Menschen länger arm: Der Anteil derer, die über Jahre hinweg unter der Armutsgrenze leben, hat sich seit der Finanzkrise fast verdoppelt.

Migration und Integration

Ein Thema, das in der Debatte gerne umschifft wird, ist die Migration. Inzwischen ist mehr als jeder neunte Einwohner Frankreichs zugewandert, Tendenz steigend.

Die Integration gelingt dabei offensichtlich nicht ausreichend. Zuwanderer sind deutlich häufiger arbeitslos als der Durchschnitt, haben fast doppelt so oft keinen Schulabschluss und sind auch bei gleichem Abschluss häufiger ohne Arbeit. Besonders bedenklich finde ich, dass sich das in der nächsten Generation kaum bessert: Auch die Kinder von Zuwanderern sind deutlich häufiger arbeitslos, und bei PISA liegen Schüler aus Zuwandererfamilien klar hinter ihren Mitschülern.

Dort, wo Bildung und Arbeit dauerhaft nicht gelingen, entstehen Parallelstrukturen, und das Vertrauen in den Staat schwindet. Eine Gesellschaft, die einen wachsenden Teil ihrer Bevölkerung nicht in Arbeit bringt, verliert an Zusammenhalt. Für mich ist das ein weiterer Grund, warum der Staat zunehmend an Handlungsfähigkeit verliert.

Noch funktioniert der Staat

Bei allen Problemen: Der Staat funktioniert noch. Steuern werden erhoben, Gerichte arbeiten, Wahlen finden statt, und am Kapitalmarkt bekommt das Land weiterhin (noch) Geld. Auch die Ratings liegen noch im A- bzw. AA-Bereich. Allerdings werden genau diese Stärken gerade aufgezehrt: Moody’s sieht den Ausblick negativ, die Finanzierung wird jedes Jahr teurer, und wenn innerhalb einer Woche Hunderte Polizisten verletzt werden, ist das Gewaltmonopol zumindest herausgefordert. Das eigentliche Problem ist nicht der Zerfall des Staates, sondern dass er sich nicht mehr reformieren kann und dadurch Schritt für Schritt an Handlungsfähigkeit verliert.

Was das für Europa und für Anleger bedeutet

Gerade diese Kombination aus Finanz- und Handlungskrise macht Frankreich aus meiner Sicht derzeit zur größten Gefahr für die Stabilität der EU. Griechenland war 2010 klein genug, um es zu retten, bei der zweitgrößten Volkswirtschaft der Währungsunion sieht das anders aus. Der Abstand zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen ist so groß wie seit der Euro-Krise nicht mehr, und mehr als die Hälfte der französischen Staatsschulden liegt bei ausländischen Investoren. Sollte sich der Abstand weiter ausweiten, müsste die EZB irgendwann entscheiden, ob sie mit ihrem Transmission Protection Instrument (TPI) eingreift.

Für mich als Portfoliomanager ist Frankreich deshalb längst kein Randthema mehr. Die entscheidende Frage ist, wie lange die Märkte die Blockade noch hinnehmen und ob die aktuelle Risikoprämie das bereits ausreichend widerspiegelt. Ich fürchte, die Präsidentschaftswahl 2027 wird eher mehr Unsicherheit bringen als weniger, und bis dahin ist noch einiges Ungemach zu erwarten.


Quellen (Auswahl): Haushaltsentwurf 2027, Insee zum BIP, PISA 2025, Schülerproteste, Insee zur Zuwanderung, Insee zur Arbeitslosigkeit nach Herkunft, Armut, OAT-Bund-Spread

Der Beitrag gibt ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und ist keine Anlageberatung.